Der Stadtteils Pries -
Friedrichsort im Wandel der Geschichte
Der heutige Kieler Stadtteil Friedrichsort entstand aus
der ehemaligen dänischen Festung Friedrichsort und dem ehemaligen
Bauerndorf Pries.1865 erhielt Friedrichsort das erste Mal eine
Zivilverwaltung, bis dahin lag die Administration in den Händen des
jeweiligen Festungskommandanten. Schritt Für Schritt entwickelte sich von
da an Friedrichsort , wie wir es heute kennen. Es lebten zwar schon immer
auch Zivilisten in der Festung, z.B. Angehörige und Handwerker ,
aber erst 1890 gab es mehr Zivilisten als Soldaten. In den Jahren 1869
bis 1890 entstand außerhalb der Festung, eine schachbrettartig angelegte
Siedlung. Anfangs
dienten die Gebäude noch militärischen Zwecken, denn Friedrichsort
war inzwischen Garnisionsort. Der Grund für die Zunahme der
Zivilbevölkerung lag nicht nur an den Arbeitsplätzen in der Garnision,
sondern seit dem Jahr 1890 zog vor allem die aufstrebende
Friedrichsorter Rüstungsindustrie Menschen an. Ab 1881 wurden in
Friedrichsort Torpedos hergestellt. Nachdem dem Deutschen Reich nach Ende
des Krieges die Herstellung von Torpedos verboten war, wurde die
Produktion unter großen Mühen, auf zivile Produkte
umgestellt. Das Werk hieß nun Deutsche Werke Kiel AG. Die
hergestellten Produkte (Milchkannen, Feuerzeuge aber auch
Schiffhilfsmaschinen und Lokomotiven) fanden kaum Käufer.
Das Jahr 1900 bedeutete einen
Wendepunkt für den Stadtteil Pries-Friedrichsort. Bis zu diesen Jahr
wurden hauptsächlich militärische Einrichtungen in Friedrichsort
errichtet. Die
private Bautätigkeit war so gut wie nicht vorhanden. Durch die
militärische Industrie boten sich gute Arbeitsgelegenheiten, aus ganz
Deutschland zogen Handwerker und Fachleute in den kleinen Küstenort.
Durch den Zufluss der Arbeiter entstand eine große Wohnungsnachfrage,
private Bauherren kamen dieser Nachfrage gerne nach, Wohnungen
wurden gebaut und vermietet.
In der Mitte des 1. Weltkrieges gründete die Bevölkerung von
Pries-Friedrichsort die BGE (Bau Genossenschaft Eigenheim), der Initiator
und Mitgründer war der legendäre Pastor Carl Lensch. Dieser
Zusammenschluss sollte den Traum von einem eigenen Eigenheim erhalten.
Der Krieg zerrte an den Kräften der Menschen. Hinzu kam der harte
Winter (Rübenwinter) Die Offiziersfamilien in Friedrichsort wurden
gut mit Nahrungsmitteln versorgt, während die Arbeiterfamilien
hungern, einige verhungern mussten. Die Arbeiter und die
Marinesoldaten hatten sich nicht nur deshalb von der Kirche
entfernt. Sie waren größtenteils Anhänger der Sozialdemokraten
und Kommunisten geworden. So wurden sie 1918 zu einer treibenden
Kraft der Revolution. Sie arrestierten z.B. den Bruder des Kaisers
kurzfristig im Fort Herwarth (heute WECO) Durch Eigenheime sollten
sie an den Staat gebunden werden.
Die Anzahl der Beschäftigten der TW
(Torpedowerkstatt) stieg während dieser Zeit von 1000 Beschäftigten auf
über 6000. Um diesen enormen Arbeitsanstieg zu bewältigen wurden Zuwanderer
angeworben. Der Wohnungsmarkt sah zu
dieser nicht gut aus und konnte der Nachfrage nicht standhalten. Sofort nach dem Krieg
begannen die Menschen mit
dem Bau von Eigenheimen.
Im Jahr 1935 wurde die allgemeine
Wehrpflicht eingeführt und die Rüstungsproduktion wurde angekurbelt. Die
DWK in Gaarden und Friedrichsort hatte versucht sich auf zivile
Produktionen einzustellen. Es fehlte aber weitgehend das Know-how
der Vermarktung. Ab 1926 wurden in Friedrichsort wieder Torpedos
hergestellt. Nach 1935 stiegen die Produktionszahlen durch
Rüstungsaufträge explosionsartig in die Höhe. Wieder zogen Handwerker und Fachleute in den Norden. Die schon
kritische
Wohnsituation, wurde zur Wohnungsnot. Zuerst dachte man an Baracken
als Übergangslösung, doch die DWK begann mit einem Bauprojekt,
das Belegschaftsmitgliedern Wohnungen mietgünstig anbot.
In Friedrichsort wurden vor allem bei den Deutschen Werken und
der Marine über 3000 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter/Innen
ausgebeutet. Sie waren in mehreren Lagern zusammengepfercht. Einige
Pries-Friedrichsorter steckten ihnen unter Lebensgefahr
Nahrungsmittel zu, damit sie nicht verhungerten.
Nach der Befreiung vom Faschismus (1945) herrschte wieder
große Not, weil in Friedrichsort wieder - wie vor und während des
ersten Weltkrieges - alle Produktionen mit der Rüstung und dem
Militär zu tun gehabt hatten. Hinzu kamen die entlassenen
Zwangsarbeiter/Innen, Kriegsgefangenen, KZ-Häftlinge, Ausgebombte,
Flüchtlinge und Vertriebene. Viele mussten in den Lagern wohnen.
Das letzte wurde 1970 aufgelöst. Der Wohnungsmarkt
war restlos überlastet. Ställe, Garagen und alte Kasernen dienten als
Behelfsheime. Der Bauwirtschaft fehlten die Mittel um zu helfen. Die
Demontage der Industrieanlagen zog die Moral der Bevölkerung noch weiter
in den Keller.
Ende der 40er änderte sich schlagartig die Situation. Der
Ost-West-Konflikt brachte die BRD auf die Seite des Westens. Die
Demontage wurde gestoppt und mit dem Marshall-Plan begann der Aufbau des
Landes wieder. Das European Recovery Program brachte der BRD 4,2 Mrd.
US-Dollar. Mit Unterstützung der USA wurde durch Ludwig Erhard die soziale
Marktwirtschaft eingeführt. Auch der Stadtteil Friedrichsort
profitierte davon.1948 wurde die MaK (Maschinen aus Kiel) mit Mitteln des
ERP gegründet. Besietzer, Rechtsformen und Produktionsbereiche
wechselten häufig. Als Produktionssäulen entwickelte sich der Bau
von Kriegsgeräten, Lokomotiven und Dieselmotoren. In den 60er
Jahren des 20. Jahrhunderts wurden wieder vermehrt
Rüstungsprodukte. Zugleich wurden Gastarbeiter, vorwiegend aus der
Türkei, angeworben. Viele von ihnen und ihre Familien sind in
Friedrichsort heimisch geworden.
Ab dem Jahr 1955 begann ein großer
Bauboom, die Bauwirtschaft hatte sich erholt. 1974 wurde
auch unsere Schule, die IGF, fertiggestellt. Die
Wohnungsnachfragen konnten alle befriedigt werden. Die Arbeiter-Kolonie
wurde komplett saniert. Durch viele weitere Sanierungen veränderte
sich das Stadtbild immer weiter und ist zu dem geworden was es heute ist.
Durch die expandierende Geschäftswelt ist Friedrichsort ein Gebiet
geworden, welches Menschen aus der Umgebung anlockt, damit sie hier
ihre Geschäfte tätigen können.
Verfasser: Karsten Fritz / Jens-Georg Fischer
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